Wenn Demografie zur Standortfrage wird

Wie bleibt die Ostschweiz attraktiv, wenn die Bevölkerung altert und die Geburtenraten sinken? Dieser Frage gingen 170 Gäste aus Wirtschaft, Politik und Forschung beim gestrigen EcoOst St.Gallen Symposium in der St.Galler Lokremise nach. Die Antworten reichten von höheren Geburtenraten über Immigration und Innovation bis zu einem höheren Rentenalter.

Organisiert von der Industrie- und Handelskammer (IHK) St.Gallen-Appenzell, der IHK Thurgau, dem St.Gallen Symposium sowie der Universität St.Gallen, brachte der Anlass Entscheidungsträgerinnen und -träger aus Wirtschaft, Politik und Wissenschaft mit jungen Talenten aus der Region sowie Studierenden der Universität St.Gallen in einen generationenübergreifenden Dialog. Beat Ulrich, scheidender CEO des St.Gallen Symposiums, begrüsste das Publikum und blickte auf die 55. Ausgabe des St.Gallen Symposiums von Anfang Mai unter dem Motto «Disrupted Age» zurück. Im Zentrum standen Geopolitik, Technologie und Demografie.

Der Rückgang der Fertilität ist ein globaler Trend
In der ersten Keynote des Abends zeigte Prof. Dr. Dominik Sachs (Universität St.Gallen) eindrücklich, wie stark die Geburtenraten weltweit sinken, ein Trend seit den 1980er-Jahren. Gemäss UN liegt die globale Rate mit 2,21 Kindern noch knapp über der Reproduktionsrate, andere Studien sehen diese bereits unterschritten. Die Schweiz liegt mit 1,29 deutlich darunter, die Ostschweiz nur marginal besser. Zudem habe sich der Anteil der 20- bis 29-Jährigen ohne Kinderwunsch zwischen 2013 und 2023 fast verdreifacht. Auch die Ansprüche an das Elternsein würden grösser: «In den letzten zehn Jahren ist die Zeit, die Eltern aktiv mit ihren Kindern verbringen, um fünf Stunden pro Woche gestiegen», sagte Sachs. Als Handlungsoptionen nannte Sachs Immigration, Technologie wie KI und Robotik sowie vor allem eine höhere Geburtenrate. Die wichtigsten Hebel dafür seien Mutterschaftsurlaub und Kitas, wo die Schweiz aber wenig generös und teuer sei.

Lösungen, die weh tun
Barbara Zimmermann-Gerster (Schweizerischer Arbeitgeberverband), sprach über Reformbedarf und politische Realität. Eine Überalterung tangiere neben der Altersvorsorge auch Wettbewerbsfähigkeit, Beitragsbasis und Standortattraktivität. 2025 sei ein Kipppunkt gewesen, da erstmals mehr über 65-Jährige als unter 20-Jährige in der Schweiz lebten, was die Umlagefinanzierung stark unter Druck setze. Die Finanzierung der 13. AHV-Rente sei noch ungeklärt, und «die IV ist nahezu bankrott», so Zimmermann-Gerster. Durch die neusten Reformen in der Sozialpolitik bestehe insgesamt eine Finanzierungslücke von rund 12 Milliarden Franken. Wichtig seien Paketlösungen statt Einzelmassnahmen. «Wir werden aber nicht darum herumkommen, das Rentenalter zu erhöhen», so ihre Warnung.

Der Mensch rückt stärker ins Zentrum
In der anschliessenden Podiumsdiskussion diskutierten Angela Meier, (Outvision GmbH), Judith Scherzinger (Bauwerk Group) und Urs Ryffel, (Huber + Suhner AG) über die Auswirkungen des demografischen Wandels für Ostschweizer Unternehmen. Im Hinblick auf die technologische Entwicklung seien die Pflege eigener Talente und das Nutzen von Entwicklungsmöglichkeiten wichtig. «Der Mensch wird durch die Digitalisierung und Innovation noch stärker ins Zentrum gestellt», so Meier. Trotz steigendem Rekrutierungsaufwand sei der Standort Ostschweiz dank hoher Lebensqualität kein Nachteil. Junge Talente lockten die produzierende Industrie sowie die internationale Ausrichtung der Firmen, sagte Scherzinger. Im Standortwettbewerb um Arbeitskräfte solle «die Politik nicht zu stark eingreifen und nicht versuchen, Probleme der Unternehmen zu lösen» mahnte Scherzinger. Dazu zähle die Möglichkeit, Mitarbeitende auch mit 65 Jahren weiter zu beschäftigen. Allerdings müsse man solche Optionen früh diskutieren, gab Ryffel zu bedenken. Die am 14. Juni zur Abstimmung stehende Initiative zur 10 Millionen Schweiz lehnt Ryffel klar ab: «Eine Obergrenze ist der falsche Ansatz für die Probleme, die wir lösen wollen.»

Mitglieder des International Students' Committee, die das diesjährige St.Gallen Symposium mitorganisiert hatten, schilderten in Impulsreferaten ihre Eindrücke aus Deutschland, Nordamerika und Indien: vom branchenspezifisch sehr unterschiedlichen Betroffensein deutscher Unternehmen über den bröckelnden «American Dream», bis zur jungen, gut ausgebildeten Bevölkerung Indiens. Antonia Mau, Lorenzo Ayala-Bombino und Benjamin Beck waren sich einig, dass im unterschiedlichen Umgang mit dem demografischen Wandel auch grosses Potenzial für eine engere internationale Zusammenarbeit liegt.

Die Frage ist, wie viel Menschen in der Schweiz arbeiten werden
Zum Abschluss hob IHK-Direktor Markus Bänziger Kernaussagen der Veranstaltung hervor. «Nicht nur steigt die durchschnittliche Lebenserwartung weiterhin, auch immer mehr Menschen werden deutlich älter.» Die Alterung der Gesellschaft sei für den Einzelnen ein Segen, für die Gesellschaft jedoch eine herkulische Herausforderung. Für die künftige Sicherung von Wohlstand und Versorgung sei entscheidend, «wie viele Menschen in der Schweiz arbeiten – nicht, wie viele hier leben». Da die Sozialwerke auf Wachstum ausgerichtet seien, brauche es Reformen an verschiedenen Stellschrauben. Bänziger betonte: «Die Lösungen sind unbequem. Aber wir dürfen die Last der alternden Gesellschaft nicht einfach den jungen Menschen aufbürden.»

 

Über das EcoOst St.Gallen Symposium
Das jährlich stattfindende EcoOst St.Gallen Symposium ist ein gemeinsames Veranstaltungsformat der IHK St.Gallen-Appenzell, der IHK Thurgau, dem St.Gallen Symposium und der Universität St.Gallen. Dabei werden die Erkenntnisse und der einmalige Generationendialog des internationalen St.Gallen Symposiums einem breiten Publikum in der Ostschweiz zugänglich gemacht. Zeitlich nachgelagert, baut die Veranstaltung auf den Inhalten des international renommierten St.Gallen Symposiums auf und thematisiert diese in einem regionalen Kontext.
Das EcoOst St.Gallen Symposium wird ermöglicht durch die beiden Veranstaltungspartner Tagblatt und Funk Insurance Brokers AG.

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